Dekorbild

 

 

 

Interviewauszug

 

Platzhalter Dokument

 

 

Foto Ester Bauer

 

 

Platzhalter Foto

 

 

 

 

Foto Ester Bauer

 

 

Foto Ester Bauer

Esther Bauer

"Ich wär nie in Deutschland geblieben…"
Emigration einer jüdischen Holocaustüberlebenden aus Hamburg nach New York, 1946

Esther Bauer wurde 1924 als einzige Tochter von Alberto Jonas, dem Direktor der Israelitischen Töchterschule, und der Ärztin Marie Jonas, geb. Levinsohn, in Hamburg geboren. Sie wuchs in einem behüteten, großbürgerlich-jüdischen Umfeld auf und bemerkte anfangs die nationalsozialistischen Verfolgungsmaßnahmen kaum. 1940 musste die Familie jedoch ihre Wohnung im Hamburger Stadtteil Eppendorf verlassen und in ein sogenanntes "Judenhaus" ziehen. Im Juli 1942 wurde die Familie nach Theresienstadt deportiert, wo der Vater kurze Zeit später ums Leben kam. Esther Bauer verliebte sich in einen tschechischen Häftling und heiratete ihn. Als ihr Mann 1944 in ein anderes Lager deportiert wurde, ließ sie sich ebenfalls in einen Transport einreihen. Esther Bauer landete in Auschwitz-Birkenau, wo sie nach wenigen Tagen zur Zwangsarbeit im KZ-Außenlager Freiberg eingeteilt wurde. Ihren Mann sah sie nie wieder. 1945 wurde sie, fast verhungert, auf einen Todesmarsch getrieben. Die Befreiung erlebte sie im KZ Mauthausen in der Nähe von Linz. Ihre Mutter wurde in Auschwitz-Birkenau ermordet. Esther Bauer kehrte nach Hamburg zurück, wo ihr von der Besatzungsbehörde ein Zimmer in der elterlichen Wohnung in Eppendorf zugewiesen wurde. Dort lebte jedoch nach wie vor jener Mann, der von der "Wohnraumarisierung" profitiert hatte, nachdem die Familie in ein "Judenhaus" umziehen musste. Angesichts dieser Situation verließ Esther Bauer Hamburg und reiste wenig später in die USA aus. Sie heiratete erneut und arbeitete zunächst im Textilgeschäft ihres Mannes, später in einer großen Werbeagentur. Heute ist sie verwitwet, hat einen Sohn und zwei Enkelkinder. Sie lebt mit ihrem Lebensgefährten bei New York. Esther Bauer sorgte dafür, dass die ehemalige Israelitische Töchterschule, die von der Volkshochschule seit 1988 als Gedenk- und Bildungsstätte betrieben wird, nach ihrem Vater benannt wurde und setzte sich erfolgreich dafür ein, dass ein Platz in Hamburg-Eppendorf den Namen ihrer Mutter trägt. Seit einigen Jahren spricht sie in Deutschland und in den USA öffentlich über ihre Erfahrungen als NS-Verfolgte. Für diese Aufklärungsarbeit erhielt sie 2007 das Bundesverdienstkreuz. Ihre Lebensgeschichte inspirierte die Regisseurin Christiane Richers zu den Theaterstücken "Esther Leben" und "Das ist Esther". Esther Bauer ist am 19. November 2016 verstorben.

 

Historischer Kontext
"Wohnraumarisierungen" in der NS-Zeit und die Emigration deutsch-jüdischer Holocaustüberlebender nach 1945

Auf der Basis des Reichsgesetzes über die "Mietverhältnisse mit Juden" vom April 1939 konnte auch in Hamburg die als jüdisch definierte Bevölkerung gezwungen werden, ihre Wohnungen aufzugeben und in bestimmte Stadtteile und "Judenhäuser" umzuziehen. Die Ghettoisierung erleichterte zum einen die Durchführung der Deportationen. Zum anderen wurde mit dieser Zwangsumsiedlung Wohnraum geschaffen für die nicht-verfolgte Mehrheitsbevölkerung, die von dieser "Wohnraumarisierung" profitierte. Nach Kriegsende wurden die enteigneten Wohnungen nicht zurückerstattet. In Hamburg entschied das Oberverwaltungsgericht 1951 die Gewährung einer Häftlingsentschädigung für die Umsiedlung in ein Judenhaus [1]. Esther Bauer, die ihre elterliche Wohnung mit dem Profiteur der "Wohnraumarisierung" hätte teilen müssen, entschied sich aufgrund dieser untragbaren Situation 1946 für die Emigration in die USA. Sie gehört zu den wenigen deutschen Juden, die die NS-Zeit auf deutschem Gebiet, in Konzentrationslagern oder auf Todesmärschen überlebt hatten. Ihre Zahl beläuft sich auf ca. 27.000 bis 29.000 Personen. Viele der Überlebenden entschieden sich gegen das Leben im "Land der Täter" und für eine Auswanderung. Hauptaufnahmeländer waren die USA und Palästina/Israel. [2]  

    

[1] ↑ Beate Meyer: Judenhäuser, in: Das jüdische Hamburg. Ein historisches Nachschlagewerk.
[2] ↑ Ina S. Lorenz: Gehen oder Bleiben? Neuanfang der Jüdischen Gemeinde in Hamburg nach 1945. Hamburg 2002, S. 9; 35. Allgemein zur Auswanderung von Displaced Persons (ehemalige Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge) aus Deutschland in der unmittelbaren Nachkriegszeit, vgl. Jan Philipp Sternberg: Auswanderungsland Bundesrepublik. Denkmuster und Debatten in Politik und Medien 1945-2010. Paderborn 2012, S. 27-34.

 

Weltkarte

Werkstat der Erinnerung
FZH-Logo

 

 

 

 

 

Quellennachweis
Archiv: Werkstatt der Erinnerung an der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg
Signatur: FZH/WdE 112
Interviewerin: Beate Meyer
Interviewtermin: 07.07.1993
Interviewlänge: 2 Std. 4 Min.
Sammlungsschwerpunkt:
Verfolgung im Nationalsozialismus / Juden

 

Weitere Interviews