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Belegschaft

  Hilde Sittenmann im Kreis ihrer Mitarbeiter in Haifa (undatiert).  

Konzertbuch von Frau Sittenmann

  Hilde Sittenmann bekam 1927 ein „Konzert-, Theater-, Film-Merkbuch“ geschenkt, dass sie bis Oktober 1933 geführt hat. Darin hat sie die von ihr besuchten Konzerte, Film- und Theateraufführungen, Kabarettbesuche aber auch die von ihr besuchten Bälle, Vorträge und Wahlveranstaltungen vermerkt.  

 

 

Frau Sittenmann heute Hilde Sittenmann

geboren 1912 als Hilde Nager in Berlin

Hilde Sittenmann wuchs in Berlin Süd-Ost, heute Kreuzberg, am Kaiser-Franz-Grenadier-Platz, heute Michaelkirchplatz auf. Ihr Vater war Großhändler für Konfektionsstoffe, die Mutter Hausfrau. Nach dem Tod ihres Mannes 1928 übernahm sie erfolgreich das Geschäft. Die Familie hielt zwar die Feiertage ein, Religion spielte in ihrem Alltag keine große Rolle. Hilde Sittenmann besuchte zunächst die Victoria-Schule in der Prinzenstraße, später die Erste Städtische Studienanstalt in der Frankfurter Allee mit ihrer Waldschule in Eichkamp. Ihre Leidenschaft waren Theater- und Kinobesuche. 1931 begann sie an der Friedrich-Wilhelm-Universität, der heutigen Humboldt-Universität, Medizin zu studieren. Das zweite und dritte Semester verbrachte sie in Wien. Dort erlebte sie zum ersten Mal öffentliche antisemitische Auseinandersetzungen. Im vierten Semester, wieder in Berlin, erging das Studienverbot an jüdische Studierende. Dies erlebte sie als schweren Schock und bedauert noch heute, nicht Ärztin geworden zu sein. In Berlin absolvierte sie einen Krankenschwesternkurs am Jüdischen Krankenhaus.

Da sie für sich im Land keine Zukunft mehr sah, beschloss sie auszuwandern. Dazu heiratete sie einen zionistisch orientierten, jugendbewegten Bekannten, mit dem sie 1934 über Paris nach Palästina ging. In Haifa ließen sich beide bald scheiden. Ihre Schwester wanderte kurz vor Kriegsbeginn nach England aus und zog später in die USA. Ihre Mutter wurde 1942 aus Berlin deportiert und überlebte nicht.
Die Ankunft in Palästina und das Einleben in eine unbekannte Gesellschaft gestaltete sich unproblematisch, zumal sie anfangs in einer fast ausschließlich deutschen Umgebung lebte und sich die nötigen hebräischen Sprachkenntnisse wie nebenbei aneignete. 1938 begann sie, ein Auto zu fahren und gehörte zu den einzigen vier Frauen in Haifa, die zu dieser Zeit bereits am Steuer saßen. 1939 heiratete sie erneut. Mit ihrem zweiten Ehemann war Hilde Sittenmann über 50 Jahre verheiratet. In Haifa arbeitete sie zunächst als Sprechstundenhilfe in der Praxis einer Berliner Arztes, den sie auf dem Auswandererschiff kennengelernt hatte, wenig später begann sie in einer Niederlassung von europäischen und US-amerikanischen Baumaschinen zu arbeiten, in der sie sich zügig hocharbeitete und bald die Leitung übernahm. Zu ihrer Zeit war sie die einzige Frau in dieser Position. Nach einem sehr aktiven Berufsleben beschloss sie im Alter von 55 Jahren, in den Ruhestand zu gehen. Sie war anschließend als Reiseführerin in Haifa tätig. Heute ist sie verwitwet. Sie besucht Berlin und andere Städte in Deutschland regelmäßig, allerdings kam es für sie nie in Frage, Israel zu verlassen.

Sie lebt auf dem Carmel in der Nähe der Philharmonie. Dort fand im April 2010 das zweiteilige, etwa zweistündige Interview statt.


Werkstatt der Erinnerung
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Videoauszüge


 Hilde Sittenmann erzählt

pfeil Zusammenfassung ihres Lebens (3:58)
pfeil Das Verbot, Medizin zu studieren, als Bruch ihrer Lebensgeschichte (1:22)