|
Die Sammlungsschwerpunkte der Werkstatt der Erinnerung
1. Verfolgung im Nationalsozialismus
2. Nichtverfolgte in der NS-Zeit
3. Nachkriegszeit
4. Frauen in Kriegs- und Nachkriegszeit
5. Migration
6. Sechziger und Siebziger Jahre
1. Verfolgung im Nationalsozialismus
Juden
Der Bestand „Juden in Hamburg“ ist der umfangreichste
in der Werkstatt der Erinnerung. Der größte Teil der
Interviews kam im Rahmen des Besucherprogramms des Hamburger Senats
für ehemalige jüdische Hamburger zustande. Die befragten
Zeitzeugen wurden in den Jahren 1903 bis 1937 geboren, sind meist
in Hamburg aufgewachsen oder haben längere Zeit in der Stadt
gelebt.
Die Interviews geben Aufschluss über verschiedene Facetten
jüdischen Lebens in Hamburg im Dritten Reich, in der Nachkriegszeit
und in einigen Fällen auch für die Zeit der Weimarer Republik.
Der Schwerpunkt liegt überwiegend auf den Ausgrenzungs- und
Verfolgungserfahrungen im Nationalsozialismus, der Flucht aus Hamburg
und dem Leben im Exil. In einigen Interviews werden die Deportationen
aus Hamburg und Erfahrungen in verschiedenen Konzentrationslagern
geschildert. Dieser Bestand wird kontinuierlich erweitert.
Literatur:
Sybille Baumbach: Die Verfolgung Hamburger Juden aus lebensgeschichtlicher
Perspektive, in: Dies., Uwe Kaminsky, Alfons Kenkmann, Beate Meyer:
Rückblenden. Lebensgeschichtliche Interviews mit Verfolgten
des NS-Regimes in Hamburg (Forum Zeitgeschichte, Bd. 7), Hamburg
1999, S. 13-129.
„Halbjuden“
Seit dem Erlass der Nürnberger Gesetze 1935 wurde zwischen
„Volljuden“ und „Mischlingen“ unterschieden.
Als „Halbjuden“ oder „Mischlinge ersten Grades“
galten Menschen mit zwei Großelternteilen, die der jüdischen
Religion angehörten; als „Vierteljuden“ oder „Mischlinge
zweiten Grades“ galten Menschen mit einem jüdischen Großelternteil.
Die meisten der Interviews wurden im Rahmen der Dissertation von
Beate Meyer geführt. In den Interviews werden die Familiengeschichte,
die veränderte Situation nach 1933 und das unterschiedliche
Ausmaß der Verfolgung thematisiert. Angesprochen wird u.a.
Ausgrenzung in Schule und Beruf, Verhaftung und Deportation von
Familienangehörigen und Zwangsarbeit. Außerdem geht es
um das Selbstverständnis der Befragten und die Verarbeitung
der Verfolgungserfahrungen.
Literatur:
Beate Meyer: „Jüdische Mischlinge“. Rassenpolitik
und Verfolgungserfahrung 1933-1945 (Studien zur jüdischen Geschichte,
Bd. 6), Hamburg 1999.
Dies.: Grenzgänger zwischen „Normalität“ und
Verfolgung – Die Situation „jüdischer Mischlinge“
in der NS-Zeit, in: Rückblenden. Lebensgeschichtliche Interviews
mit Verfolgten des NS-Regimes in Hamburg (Forum Zeitgeschichte,
Bd. 7), Hamburg 1999, S. 130-205.
Dies.: „Besser ist doch, man taucht unter“. Zur Verfolgung
der „Halbjuden“ in Hamburg, in: Frank Bajohr u. Joachim
Szodrzynski (Hg.): Hamburg in der NS-Zeit (Forum Zeitgeschichte,
Bd. 5), Hamburg 1995, S. 125-150.
Sinti und Roma
Das Ziel der Hamburger „Zigeunerpolitik“ ab 1938 war
die Errichtung eines zentralen „Zigeunerlagers“. Während
dieses Vorhaben sich noch in der Planungsphase befand, stellte das
Reichssicherheitshauptamt am 17. Oktober 1939 den Abtransport aller
Sinti und Roma in den Osten in Aussicht. Im April 1939 gab Reichsführer
Heinrich Himmler den Befehl zur Deportation ins Generalgouvernement.
In drei Transporten 1940, 1943 und 1944 wurden ca. 1264 Sinti und
Roma aus Hamburg in verschiedene Konzentrationslager verschleppt.
Die Anzahl derer, die die Deportationen überlebt haben, konnte
bis heute nicht ermittelt werden.
Die vier Interviews mit Überlebenden dieser Transporte im Bestand
der Werkstatt wurden von Karin Guth, im Rahmen einer von ihr initiierten
Ausstellung über die Verfolgung von Sinti und Roma in Hamburg,
geführt. Die Interviewten sind zwischen 1921 und 1935 in und
um Hamburg geboren und aufgewachsen. Sie wurden, bis auf eine Ausnahme,
am 16. Mai 1940 zusammen mit ihren Familien verhaftet und in einen
Fruchtschuppen im Hafen gebracht.
Ausgehend vom Hannoverschen Bahnhof führte ihre Deportation
nach Belzec in Polen und schließlich nach Krychow. Die Interviewpartner
thematisieren ihre Erlebnisse in Lagern und Gefängnissen, beziehungsweise
auf der Flucht. Eine Zeitzeugin beschreibt, wie sie als Achtjährige
mit dem dritten und letzen Transport nach Auschwitz und von dort
nach Ravensbrück deportiert wurde. Auch wenn die Zeit ihrer
Verfolgung im Mittelpunkt der Interviews steht, erzählen alle
Befragten einen Großteil ihrer gesamten Lebensgeschichte.
Literatur:
Wünsche, Viviane / Lohalm, Uwe / Zimmermann, Michael: Die nationalsozialistische
Verfolgung Hamburger Roma und Sinti. Vier Beiträge. Hamburg
2002.
Sozialdemokraten in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus
Die interviewten Zeitzeugen gehörten dem sozialistischen oder
proletarischen Arbeitermilieu an. Befragt wurden politisch aktive
Mitglieder der Arbeiterbewegung, die nach 1933 illegale Tätigkeiten
im Rahmen der SPD ausgeübt haben, aber auch Menschen, die sich
milieugebunden dem NS-Regime als oppositionell verstanden oder die
aufgrund der Verfolgung eines Familienmitgliedes oder eines Ehepartners
ebenfalls verfolgt wurden.
Während letztere keinen direkten Kontakt zur Gestapo hatten,
berichten die direkt Verfolgten von Vorladungen, Hausdurchsuchungen,
Verhaftungen und Haftstrafen in Gefängnissen oder Konzentrationslagern.
Thematisiert werden in den Interviews soziale und familiäre
Herkunft, politische Bindung sowie Gründe und Formen der politischen
Verfolgung. Ein wichtiger Bereich ist auch der Umgang mit der Verfolgungserfahrung
in der Nachkriegszeit.
Zusätzlich existieren 21 Interviews mit Frauen aus dem sozialdemokratischen
Milieu, die im Rahmen des Projekts von Karen Hagemann zum Thema
Frauenalltag in der Weimarer Republik geführt wurden.
Literatur:
Uwe Kaminsky: Verfolgung im Arbeitermilieu Hamburgs aus erfahrungsgeschichtlicher
Sicht – Sozialdemokraten und Kommunisten zwischen Widerstand
und Anpassung, in: Rückblenden. Lebensgeschichtliche Interviews
mit Verfolgten des NS-Regimes in Hamburg (Forum Zeitgeschichte,
Bd. 7), Hamburg 1999, S. 206-317.
Karen Hagemann: Frauenalltag und Männerpolitik. Alltagsleben
und gesellschaftliches Handeln von Arbeiterfrauen in der Weimarer
Republik, Bonn 1990.
Kommunisten
Die Interviewten wurden zwischen 1905 und 1931 geboren und stammen
mehrheitlich aus dem sozialistischen oder proletarischen Arbeitermilieu.
Befragt wurden nicht nur Menschen, die während des Nationalsozialismus
in der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) aktiv waren, sondern
auch Personen, die als Familienangehörige oder durch Milieuzugehörigkeit
indirekt von der Verfolgung betroffen waren.
In den Interviews werden u.a. der familiäre Hintergrund, die
Mitgliedschaft in politischen Jugendorganisationen, in einigen Fällen
der Wechsel von der SPD zur KPD, das Ende der politischen Tätigkeit
nach 1933 oder Verfolgung und illegale Aktivitäten im Nationalsozialismus
und Emigrationserfahrungen thematisiert. Angesprochen werden auch
die Kriegsteilnahme, das Erleben des Kriegsendes, die Wiederaufnahme
des politischen Engagements sowie Bemühungen um Entschädigung
in der Nachkriegszeit.
Der Bestand umfasst auch einige lebensgeschichtliche Interviews,
die in den Jahren 1987 bis 1989 im Rahmen eines ABM-Projektes von
der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, Bund der Antifaschisten,
Hamburg (VVN-BdA) geführt wurden. Die Interviews aus diesem
Bestand sind nach vorheriger Zustimmung der VVN-BdA einsehbar.
Literatur:
Uwe Kaminsky: Verfolgung im Arbeitermilieu Hamburgs aus erfahrungsgeschichtlicher
Sicht – Sozialdemokraten und Kommunisten zwischen Widerstand
und Anpassung, in: Rückblenden. Lebensgeschichtliche Interviews
mit Verfolgten des NS-Regimes in Hamburg (Forum Zeitgeschichte,
Bd. 7), Hamburg 1999, S. 206-317.
Peter Birke: Die kommunistische Parteiopposition (KPO) und andere
dissidente Kommunisten in Hamburg in den Jahren 1928-1936, Magisterarbeit,
Universität Hamburg 2001.
Mitglieder des „Musencabinett“
Seit ca. 1940 trafen sich in Hamburg regelmäßig Angehörige
bürgerlicher Schichten zu informellen Diskussions- und Lesekreisen.
Das „Musencabinett“, deren Mitglieder meist aus Familien
des gehobenen Hamburger Bildungsbürgertums stammten, traf sich
ab 1940 in privatem Rahmen, um über literarische und künstlerische
Themen und Werke zu diskutieren.
Einige der Mitglieder zählten auch zur Hamburger „Weißen
Rose“, die im Gegensatz zur Münchener „Weißen
Rose“ ein sehr heterogener Kreis war und aus mehreren kleinen
Gruppen bestand. Die Befragten sind zwischen 1915 und 1926 geboren.
In den Interviews werden das Aufwachsen im bürgerlichen Milieu,
Schulzeit und Studium und die Versuche, sich der HJ- und BDM-Mitgliedschaft
zu entziehen und stattdessen private Nischen zu finden thematisiert.
Außerdem geht es um informelle Zusammenkünfte, Diskussionsthemen
und die Verfolgung durch den NS-Staat.
Literatur:
Alfons Kenkmann: Zwischen Tolerierung und Verfolgung – Informelle
Zirkel im Hamburger Bürgertum während der NS-Zeit, in:
Rückblenden. Lebensgeschichtliche Interviews mit Verfolgten
des NS-Regimes in Hamburg (Forum Zeitgeschichte, Bd. 7), Hamburg
1999, S. 358-404.
Swing-Jugend
Die Swing-Jugend entstand als Jugendsubkultur vor allem in Großstädten
Ende der 1930er Jahre. Ihr nonkonformes Verhalten in Bezug auf Kleidungsstil
und das Hören von Swing-Musik stand im Widerspruch zu dem offiziell
propagierten Jugendideal. Deshalb wurden die Swing-Jugendlichen
zunächst diffamiert und ab 1940 systematisch verfolgt.
Die Zeitzeugen wurden zwischen 1919 und 1928 geboren und stammen
überwiegend aus einem klein- oder großbürgerlichen
Milieu. In vielen Interviews werden Familie und Herkunft, das Aufwachsen
in verschiedenen Hamburger Stadtteilen, die Schulzeit und das Verhältnis
zur HJ bzw. zum BDM angesprochen. Außerdem berichten die Zeitzeugen
in den Interviews über die ersten Kontakte zur Swingszene,
Musik, Kleidungsstile sowie Veranstaltungen und Treffpunkte der
Swing-Jugend in Hamburg. Ein zentrales Thema, das in den Interviews
angesprochen wird, ist die Verfolgung durch die NS-Behörden.
Literatur:
Susanne Heitker: Die Hamburger Swing-Jugend - eine Jugendsubkultur
im Spiegel lebensgeschichtlicher Interviews, Magisterarbeit, Universität
Hamburg 1999.
Dies.: Die Verfolgung der „Swing-Jugend“ in Hamburg,
in: Alenka Barber-Kersovan u. Gordon Uhlmann (Hg.): Getanzte Freiheit:
Swing-Kultur zwischen NS-Diktatur und Gegenwart. Hamburg 2002, S.
79-91.
„Asoziale“
Die von den Nationalsozialisten als „Asoziale“ bezeichneten
Männer und Frauen wurden aufgrund ihres abweichenden Sozialverhaltens
oder ihrer angeblichen biologischen „Minderwertigkeit“
aus der „Volksgemeinschaft“ ausgeschlossen. Die Verfolgten
dieser Gruppen stammten meist aus der sozialen Unterschicht, wuchsen
oft nur bei einem Elternteil oder in Heimen auf und hatten eine
unzureichende Schulbildung. Häufig wurden diese als „Vergessene
Opfer“ bezeichneten Menschen auch in der Zeit nach dem Zweiten
Weltkrieg stigmatisiert und erhielten keine Entschädigung.
Die befragten Zeitzeugen sind zwischen 1918 und 1931 geboren, waren
also in der Zeit des Nationalsozialismus sehr jung. Befragt wurden
sechs Frauen und ein Mann, die u.a. wegen Arbeitsverweigerung und
verbotener Kontakte mit Kriegsgefangenen oder mit ausländischen
Zivilarbeitern verfolgt wurden.
Literatur:
Uwe Kaminsky: „Vergessene Opfer“ – Zwangssterilisierte,
„Asoziale“, Deserteure, Fremdarbeiter, in: Rückblenden.
Lebensgeschichtliche Interviews mit Verfolgten des NS-Regimes in
Hamburg (Forum Zeitgeschichte, Bd. 7), Hamburg 1999, S. 318-357.
Zwangssterilisierte
Es liegen Interviews mit Personen vor, die unter Berufung auf das
im Juli 1933 erlassene „Gesetz zur Verhütung erbkranken
Nachwuchses“ zwangssterilisiert wurden. Es handelt sich überwiegend
um Betroffene, die in Heimen oder Anstalten leben mussten. Die Zeitzeugen,
fünf Frauen und ein Mann, wurden zwischen 1907 und 1930 geboren.
Einige Interviews wurden von Mitgliedern der Projektgruppe für
die vergessenen Opfer des NS-Regimes e.V. geführt.
Literatur:
Uwe Kaminsky: „Vergessene Opfer“ – Zwangssterilisierte,
„Asoziale“, Deserteure, Fremdarbeiter, in: Rückblenden.
Lebensgeschichtliche Interviews mit Verfolgten des NS-Regimes in
Hamburg (Forum Zeitgeschichte, Bd. 7), Hamburg 1999, S. 318-357.
Projektgruppe für die vergessenen Opfer des NS-Regimes in Hamburg
(Hg.): Verachtet, verfolgt, vernichtet. Zu den „vergessenen“
Opfern des NS-Regimes, Hamburg 1986.
Homosexuelle
Drei lebensgeschichtliche Interviews mit homosexuellen Männern
unterschiedlicher sozialer Herkunft der Jahrgänge zwischen
1906 und 1913 sowie eine themenbezogene Befragung über die
KZ-Haft eines Zeitzeugen (geb. 1912) befinden sich in der Werkstatt
der Erinnerung. Die repressiven Lebensverhältnisse der Zeitzeugen
waren rechtlich durch die Gesetzgebung über die NS-Zeit hinaus
legitimiert. Der Paragraph 175, der bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts
homosexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe gestellt
hatte, bestand in seiner 1935 verschärften Form bis 1969 in
der Bundesrepublik fort. Die Interviews thematisieren erste homosexuelle
Erlebnisse, damalige Hamburger Treffpunkte, künstlerisches
Leben seit den 1920er Jahren und die repressiven Lebensverhältnisse
während der NS-Zeit.
Angehörige von „Euthanasie“-Opfern
Der Bestand umfasst drei lebensgeschichtliche Interviews mit Angehörigen
von Euthanasie-Opfern. Eine Zeitzeugin berichtet über ihre
Schwester, die zunächst in die Alsterdorfer Anstalten gebracht
worden war. Sie wurde anschließend nach Wien in die städtische
Nervenklinik für Kinder ‚Am Spiegelgrund’ deportiert
und im Rahmen des NS-Euthanasieprogramms ermordet. Die Zeitzeugin
berichtet über ihre Recherchen zum Tod der Schwester und über
die erfolgreichen Bemühungen, die sterblichen Überreste
anderer Euthanasie-Opfer, die Jahrzehnte später immer noch
in Wien lagerten, bestatten zu lassen. In den beiden anderen Interviews
berichten zwei Geschwister über den Tod ihres Vaters, der 1941
in der Anstalt Sonnenstein bei Pirna ermordet wurde.
Wehrmachtsdeserteure
Der Werkstatt der Erinnerung liegen zwei lebensgeschichtliche Interviews
mit Männern der Jahrgänge 1921 und 1922 vor, die im Zweiten
Weltkrieg aus der Wehrmacht desertiert sind. Neben der Desertion
und der anschließenden Haft thematisieren die Interviews den
Kampf um die Anerkennung der Verfolgung und um Entschädigung.
Über diese Bemühungen liegen der Werkstatt der Erinnerung
mehrere Zeitungsartikel sowie diverse Dokumente vor.
Literatur:
Uwe Kaminsky: „Vergessene Opfer“ – Zwangssterilisierte,
„Asoziale“, Deserteure, Fremdarbeiter, in: Rückblenden.
Lebensgeschichtliche Interviews mit Verfolgten des NS-Regimes in
Hamburg (Forum Zeitgeschichte, Bd. 7), Hamburg 1999, S. 318-357.
2. Nichtverfolgte in der NS-Zeit
NS-Sozialisation
Der Bestand zum Thema „NS-Sozialisation“ umfasst lebensgeschichtliche
Interviews und biographische Materialien von acht Männern und
zwei Frauen, die zwischen 1899 und 1929 geboren wurden. Die Zeitzeugen
berichten vor allem über ihre Mitgliedschaft in HJ und BDM
und die Teilnahme an der Kinderlandverschickung. Es existieren einige
inhaltliche Überschneidungen mit den Beständen Frauenalltag
und „Volkssturm“.
„Volkssturm“
Ab Oktober 1944 wurden Männer zwischen 16 und 60 Jahren zum
Volkssturm herangezogen, um bei unmittelbarer Gefährdung ihres
Wohnortes die Wehrmacht zu unterstützen. In Hamburg wurden
die Volkssturmeinheiten vor allem im Süden der Stadt eingesetzt.
Die 16 zu diesem Thema vorliegenden themenbezogenen Interviews entstanden
1986/87 im Rahmen der Magisterarbeit von Kerstin Siebenborn. Die
Zeitzeugen entstammen den Geburtsjahrgängen 1902 bis 1929.
Sie haben am Volkssturm teilgenommen, aber keine leitenden Funktionen
ausgeübt.
Literatur:
Kerstin Siebenborn: Der Volkssturm im Süden Hamburgs 1944/45,
Hamburg 1988 (Beiträge zur Geschichte Hamburgs, hrsg. v. Verein
für Hamburgische Geschichte, Bd. 35).
3. Nachkriegszeit
Displaced Persons/ehemalige Zwangsarbeiter
Die Interviews zum Thema Displaced Persons entstanden im Rahmen
eines Projekts von Patrick Wagner. Ziel war es, die Formen der Integration
von Frauen und Männern, die im Zweiten Weltkrieg aus Osteuropa
nach Deutschland verschleppt worden waren oder in der Nachkriegszeit
geflohen waren, zu untersuchen. Die meisten der Interviews wurden
mit Displaced Persons, die aus Polen stammten, geführt. Die
befragten Zeitzeugen sind zwischen 1908 und 1926 geboren und stammen
zu einem großen Teil aus ländlichem Milieu.
Literatur:
Patrick Wagner: Displaced Persons in Hamburg. Stationen einer halbherzigen
Integration 1945 bis 1958, Hamburg 1997.
Flüchtlinge und Vertriebene
Die von Oliver von Wrochem zur Verfügung gestellten Interviews
dokumentieren die Erinnerungen von Flüchtlingen an ihre Aufnahme
in Hamburg nach dem Zweiten Weltkrieg und die Einschätzung
der eigenen wirtschaftlichen, sozialen und psychischen Integration.
Besonderes Interesse galt den Arbeits- und Wohnverhältnissen,
dem Verhältnis zur „alten Heimat“, den Beziehungen
zu Einheimischen und die Familiensituation. Dabei stand die Frage
im Vordergrund, ob die Integration der Vertriebenen erfolgreich
verlaufen ist.
Befragt wurden 13 Frauen und 8 Männer, die zwischen 1914 und
1937 geboren wurden.
Literatur:
Oliver von Wrochem: Im Zwiespalt der Bindungen: Erfahrungsebenen
der Integration, in: Evelyn Glensk, Rita Bake u. Oliver von Wrochem:
Die Flüchtlinge kommen. Ankunft und Aufnahme in Hamburg nach
Kriegsende, Hamburg 1998, S. 128-152.
Nachkriegszeit: Mangelerfahrung, Lebenshaltung und Wohlstandshoffnung
In der Werkstatt der Erinnerung existieren zwölf Interviews
zum Thema Mangelerfahrung, Lebenshaltung und Wohlstandshoffnung
in der Nachkriegszeit, die von Michael Wildt im Rahmen seiner Dissertation
zum Konsumverhalten im Westdeutschland der 1950er Jahre geführt
wurden. In einem Fall wurde zusätzlich zu der themenbezogenen
Befragung auch ein lebensgeschichtliches Interview geführt.
Die Zeitzeugen - 10 Frauen und zwei Männer - wurden zwischen
1913 und 1929 geboren und kommen mehrheitlich aus Hamburger Arbeiterfamilien.
In den Interviews angesprochen werden vor allem die Ernährungssituation
in der Nachkriegszeit, die Auswirkungen der Währungsreform,
Einkauf und Zubereitung von Nahrungsmitteln sowie die Anschaffung
neuer Haushaltsgegenstände.
Literatur:
Michael Wildt: Am Beginn der „Konsumgesellschaft“. Mangelerfahrung,
Lebenshaltung, Wohlstandshoffnung in Westdeutschland in den fünfziger
Jahren, (Forum Zeitgeschichte Bd. 3), Hamburg 1995.
„Bremen-Boys“
Vier themenbezogene Befragungen mit ehemaligen Mitgliedern des Bremen
Boys Club hat Doris Foitzik in ihrem Projekt über Jugendkultur
und Jugendpolitik 1945 bis 1949 mit Männern der Jahrgänge
um 1930 durchgeführt. Die Interviews thematisieren die Bewunderung
dieser Jugendgruppe für den US-amerikanischen Lebensstil und
dessen Musik sowie das Alltagsleben Jugendlicher während der
unmittelbaren Nachkriegszeit in Bremen.
Literatur:
Doris Foitzik: Jugend ohne Schwung? Jugendkultur und Jugendpolitik
in Hamburg 1945 – 1949, (Forum Zeitgeschichte, Bd. 12) Hamburg
2002.
Jugend 1945-1950
Im Mittelpunkt der Interviews, die Doris Foitzik mit 19 Zeitzeugen
der Jahrgänge 1927 bis 1935 geführt hat, steht die Frage
nach einer eigenen Jugendkultur nach dem Zweiten Weltkrieg. Die
Nachkriegszeit wird von den fünf Frauen und 14 Männern
vor allem mit Mangelwirtschaft und Schwarzmarkt assoziiert, jedoch
nicht mit der Herausbildung eines eigenen jugendlichen Lebensstils.
So stehen die materiellen Entbehrungen im Vordergrund der Erinnerungen.
In den Interviews werden aber auch bisher wenig untersuchte Aspekte
wie Konsum- und Freizeitverhalten, Musik, Tanz, Mode und Literatur
thematisiert. Es handelt sich um themenorientierte Interviews, in
den meisten Interviews wird aber auch auf die Schulzeit und die
Mitgliedschaft in BDM und Hitlerjugend während der Zeit des
Nationalsozialismus eingegangen.
Literatur:
Doris Foitzik: Jugend ohne Schwung? Jugendkultur und Jugendpolitik
in Hamburg 1945-1949 (Forum Zeitgeschichte, Bd. 12), Hamburg 2002.
Jugend in Eimsbüttel
Die Geschichtswerkstatt Eimsbüttel/Galerie Morgenland hat der
Werkstatt der Erinnerung 31 Interviews zum Thema Jugend in Eimsbüttel
zur Verfügung gestellt, die im Rahmen eines Projekts von Volker
Böge entstanden sind. Ziel war die Erforschung der Lebenswelten
von Jugendlichen im Stadtteil Eimsbüttel in den 1950er Jahren.
In den Interviews geht es u.a. um Freizeitgestaltung, Schule, Lehre,
Wohnsituation und das Selbstverständnis der Jugendlichen.
Literatur:
Volker Böge: Außer Rand und Band. Eimsbütteler Jugendliche
in den 50er Jahren, Hamburg 1997.
Ders.: Eimsbüttler Jugend historisch. Eine Projektsequenz der
Galerie Morgenland, in: 25 Jahre Galerie Morgenland Geschichtswerkstatt
Eimsbüttel. Festschrift. Hamburg 2003, S. 183-193.
SPD und KPD in Schleswig-Holstein 1945/46
Die neun themenbezogenen Interviews wurden von Detlef Siegfried
im Rahmen seines Projekts zu Einheitsbestrebungen von Sozialdemokraten
und Kommunisten in Schleswig-Holstein in den Jahren 1945/46 geführt.
Die Interviewpartner, acht Männer und eine Frau, sind zwischen
1902 und 1912 geboren und waren zum Teil langjährige Parteifunktionäre.
Die Zeitzeugen berichten u.a. über den Wiederaufbau der Bezirksorganisationen
und über die Rahmenbedingungen der Reorganisation ab 1945.
Zudem werden die Diskussionen zur Gründung einer ‚Einheitspartei’,
die Arbeit des sogenannten Aktionsausschusses, des gemeinsamen Arbeitsausschusses
von Kommunisten und Sozialdemokraten sowie die Zusammenarbeit mit
den Alliierten thematisiert.
Literatur:
Detlef Siegfried: Zwischen Einheitspartei und „Bruderkampf“.
SPD und KPD in Schleswig-Holstein 1945/46, Kiel 1992.
FDJ im Bezirk Unterelbe 1945/46
Acht themenbezogene Einzel- und zwei Gruppeninterviews führte
Maren Siegfried zum Thema FDJ im Bezirk Unterelbe in den ersten
Nachkriegsjahren durch. Es wurden elf Männer und fünf
Frauen der Jahrgänge 1914 bis 1927 befragt. Die Zeitzeugen
berichten über ihre Motivation, der FDJ beizutreten, über
politische Aktivitäten sowie über die Zusammenarbeit mit
anderen Jugendgruppen und mit der britischen Militärregierung.
Literatur:
Maren Siegfried: Die „Freie Deutsche Jugend“ im Bezirk
Unterelbe (Hamburg und Schleswig-Holstein) während der ersten
Nachkriegsjahre, Magisterarbeit, Universität Kiel 1986.
Entwicklungshilfe
Im Rahmen eines Projekts zur Entstehung der deutschen Entwicklungspolitik
führte Uwe Kaminsky fünf Interviews. Die befragten Zeitzeugen
haben im Rahmen ihrer Aktivitäten in politischen Parteien,
der evangelischen Kirche oder wissenschaftlichen Institutionen die
deutsche Entwicklungspolitik von Beginn an mitgestaltet.
4. Frauen in Kriegs- und Nachkriegszeit
Frauenalltag
Explizit zum Thema Frauenalltag sind in der Werkstatt der Erinnerung
22 Interviews vorhanden, davon 18 lebensgeschichtliche Interviews
und vier themenbezogene Befragungen. Es gibt inhaltliche Überschneidungen
zu den Beständen aus den Bereichen der politischen Verfolgung,
NS-Sozialisation sowie Nachkriegszeit: Mangelerfahrung, Lebenshaltung
und Wohlstandshoffnung.
Die befragten Frauen wurden zwischen 1897 und 1939 geboren und entstammen
unterschiedlichen Milieus. Ungefähr die Hälfte der Frauen
erlebte die NS-Zeit, Krieg und Nachkriegszeit als Erwachsene, während
die andere Hälfte in den 1920er Jahren geboren wurde und die
entsprechende Zeit als Jugendliche wahrnahm.
Die große Heterogenität des Bestandes spiegelt sich in
den angesprochenen Themen wieder: NS-Zeit, Erinnerung an den Zweiten
Weltkrieg und die Situation in der Nachkriegszeit werden in den
Interviews behandelt – aber aus sehr unterschiedlichen Perspektiven.
Drei der Interviews wurden ganz auf Video aufgezeichnet. Sieben
der befragten Frauen treten in dem Film „Trümmerjahre
– Frauen in Hamburg 1943-1953“ (Regie: Beate Meyer,
D 1993) auf.
Literatur:
Ingeborg Grolle: Frauen nach dem Krieg 1945-1950, Hamburg 1994.
Dies. und Rita Bake: "Ich habe Jonglieren mit drei Bällen
geübt". Frauen in der Hamburgischen Bürgerschaft.
1946 bis 1993, Landeszentrale für politische Bildung, Hamburg
1995.
Beate Meyer: Anpassung, Selbstbehauptung und Verdrängung. Zum
Berufsalltag zweier Mitläuferinnen im Nationalsozialismus,
in: Kirsten Heinsohn; Barbara Vogel u. Ulrike Wecker (Hg.): Zwischen
Karriere und Verfolgung. Handlungsräume von Frauen im nationalsozialistischen
Deutschland, Frankfurt/Main 1997, S. 166-188.
Berufs- und Lebensplanung von Frauen
Die von Claudia Lenz und Alexandra Lübcke geführten lebensgeschichtlichen
Interviews zum Thema Berufs- und Lebensplanung von Frauen entstanden
1998/99 im Rahmen eines Kooperationsprojektes mit dem Hamburger
Museum für Arbeit. Ziel des Projekts war es, die Bedeutung
von Erwerbsarbeit für Frauen aus verschiedenen Generationen
und sozialen Schichten zu untersuchen.
Die Interviewpartnerinnen entstammen den Geburtsjahrgängen
1914 bis 1972. In zwei Fällen wurden Mutter und Tochter einer
Familie befragt. Die Zeitzeuginnen kommen aus unterschiedlichen
sozialen Schichten und haben in verschiedenen Berufsfeldern gearbeitet.
Bei der Hälfte der Befragten kam es im Verlauf ihres Lebens
zu einschneidenden beruflichen Veränderungen. In den Interviews
werden u.a. die soziale Herkunft, das Elternhaus, der Bildungsweg,
Vorbilder in Kindheit und Jugend sowie Berufswünsche angesprochen.
Außerdem berichten die Zeitzeuginnen über Berufsalltag,
Rollenverteilung in der Familie und ihre Zukunftspläne.
Literatur:
Claudia Lenz; Waltraud Waidelich (Hg.): Hauptsache Arbeit? Was wird...:
Maßstäbe, Modelle, Visionen, Hamburg 2001.
5. Migration
Italiener in Hamburg
In der Werkstatt der Erinnerung befinden sich acht Interviews mit
Italienern in Hamburg, die Elia Morandi zwischen 2000 und 2002 für
sein Dissertationsprojekt über Italiener in Hamburg vom Kaiserreich
bis heute geführt hat. Befragt wurden sechs Männer und
zwei Frauen, die zwischen 1905 und 1943 geboren wurden. Einige leben
also schon in vierter Generation in Hamburg, pflegen aber eine italienische
Identität, indem sie die Sprache sprechen und Kontakte nach
Italien halten. Thematisiert werden Herkunft, berufliche Tätigkeiten
und Mitgliedschaften in italienischen Vereinen.
Literatur:
Elia Morandi: Italiener in Hamburg seit dem Kaiserreich. Zur Geschichte
einer ethnischen Gruppe in einer deutschen Großstadt, in:
Angelika Eder (Hg.), unter Mitarbeit von Kristina Vagt: „Wir
sind auch da!“ Über das Leben von und mit Migranten in
europäischen Großstädten (Forum Zeitgeschichte,
Bd. 14), Hamburg 2003, S. 115-135.
Ders.: Italiener in Hamburg. Migration, Arbeit und Alltagsleben
vom Kaiserreich bis zur Gegenwart. Frankfurt/Main 2004.
Polen in Hamburg
In der Werkstatt der Erinnerung existieren acht Interviews mit Menschen
polnischer Herkunft, die in Hamburg leben. Die meisten der Interviews
entstanden im Rahmen des Projekts von Angelika Eder, das sich mit
polnischem Leben in Hamburg befasste. Der Bestand umfasst Interviews
mit Aussiedlern, Flüchtlingen, verschleppten Zwangsarbeitern
und Kriegsgefangenen.
Literatur:
Angelika Eder: Polnisches Leben in Hamburg im 20. Jahrhundert: Kulturelle
„Heimat“, Identitätsressource oder Fiktion? In:
Angelika Eder (Hg.) unter Mitarbeit von Kristina Vagt: „Wir
sind auch da!“ Über das Leben von und mit Migranten in
europäischen Großstädten (Forum Zeitgeschichte,
Bd. 14), Hamburg 2003, S. 95-113.
Norweger in Hamburg
Drei Interviews wurden von Claudia Lenz in Norwegen geführt.
Thematische Schwerpunkte sind die unmittelbare Nachkriegszeit sowie
die Studentenbewegung in Hamburg.
Russlanddeutsche in Hamburg
Zur Vorbereitung einer Publikation der Körber-Stiftung führte
Dorothee Wierling (FZH) Interviews mit in Hamburg lebenden Russlanddeutschen
verschiedener Generationen.
Literatur:
Dorothee Wierling (Hg.): Heimat finden. Lebenswege von Deutschen,
die aus Russland kommen, Hamburg 2004.
6. Sechziger und Siebziger Jahre
Sexuelle Konsumkultur in Deutschland
Die Interviews wurden von Elizabeth Heineman (University of Iowa)
für ihr gleichnamiges Projekt geführt. Der Bestand ist
bis zum Abschluss des Projekts für die Nutzung gesperrt.
Hafenarbeiter
Der Bestand umfasst sechs themenbezogene Interviews mit Hafenarbeitern,
die von Ruth Asseyer im Rahmen ihrer journalistischen Tätigkeit
zum Thema „Vom Stückgutumschlag zum Containerumschlag“
geführt wurden.
Sturmflut 1962 in Hamburg
Im Rahmen ihres Promotionsprojektes zur lebensgeschichtlichen Bedeutung
und kulturellen Deutung von Naturkatastrophen werden von Frauke
Paech (FZH) Interviews mit ZeitzeugInnen jener Ereignisse geführt.
Der Bestand wird laufend erweitert und ist bis zum Abschluss des
Projektes für die Nutzung gesperrt.
Schülerbewegung
Das Projekt von Linde Apel (FZH) zielt auf eine Rekonstruktion der
Schülerbewegung der 1960er und 1970er Jahre in Hamburg und
fragt nach schulischen und anderen Anlässen der Politisierung
für „antiautoritäre“ und „konservative“
Schüler. Die hierzu entstehenden Interviews sind bis zum Abschluss
des Projekts für die Nutzung gesperrt.
Sammlung Detlef Michelers
Die Werkstatt der Erinnerung konnte große Teile des umfangreichen
„Lebenswerkes“ des Bremer Autors Detlef Michelers
übernehmen. Die Sammlung umfasst u.a. folgende Themen: Kaiserreich
und Erster Weltkrieg, Räterepublik in Bremen, 1920er Jahre
in Bremen, „Reichskristallnacht“ in Bremen, Bremen in
der Nazizeit, 1950er Jahre in Bremen, Schülerbewegung.
Literatur:
Detlef Michelers: Draufhauen, draufhauen, nachsetzen. Die Bremer
Schülerbewegung, die Straßenbahnproteste und ihre Folgen
1967/70, Bremen 2002.
|