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“Wir sind zur Synagoge gegangen in der Hoheluftchaussee...”
Interview mit Herrn Ludwig Baruch am 9. Dezember 1992
im Hotel Norge.
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B: Herr Baruch, Sie sind geboren...
HB: Geboren am 25.1.20. Und unsere Familie lebt seit 1800
ungefähr in Hamburg. Der erste Ahne mit dem Namen Baruch
war Oberrabbiner in der Jüdischen Gemeinde. Meine Mutter
war Minna Fleischmann, geboren in Altona, und der Vater hatte
eine für Häute und Felle, die Firma hieß Heine
& Fleischmann. Heine ist der Compagnon, das waren zwei
Schwäger, und ist auch verwandt gewesen mit Heinrich
Heine. Mein Großvater starb, als meine Mutter drei Jahre
alt war. Meine Großmutter zog dann auch nach Hamburg
von Altona. Mein Vater hat seinen Vater verloren, als er elf
Jahre war. Meine Großmutter väterlicherseits ist
gestorben, als mein Vater 18 war. Mein Vater ist geboren 1889,
meine Mutter 1895. Mein Vater war praktischer Arzt und Geburtshelfer,
hat seine Praxis am Abendrothsweg 71 gehabt, und hatte die
größte Krankenkassenpraxis von Hamburg gehabt.
Ich erinner noch, daß die Praxis angefangen hat von
sechs, halb sieben morgens bis abends um zehn, was Sprechstunde
inbegriffen ist und Hausbesuche. Es gab Tage, wo mein Vater
30 bis 40 Hausbesuche machen mußte.
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B: Ihr Vater war im Ersten Weltkrieg?
HB: Mein Vater war im Ersten Weltkrieg 14/18 in Rußland,
an der russischen Front, was die Jahre '34,35 wurden meinem
Vater wurden die Lizenzen, Kassenpatienten zu empfangen, mit
der Begründung, daß er kein Frontkämpfer war,
und er prozessierte gegen den Staat, gewann den Prozeß
und hat sogar Entschädigung bekommen für die Monate,
wo er den Kassenausfall gehabt hab.
B: Erinnern Sie noch genauer,wann das war?
HB: '35 war das. Anfang '35, glaube ich. Der Prozeß
zog sich paar Monate hin, einige Instanzen gewesen. Zum Schluß
hat mein Vater den Prozeß gewonnen, weil er wirklich
beweisen konnte, laut seiner Eintragung im Soldbuch, daß
er an der Front war. Er hatte auch das Frontkämpferabzeichen
bekommen. Ich wanderte im Jahre '36 aus, mit 16 Jahren, alleine.
Meine Eltern kamen noch eben vor Kriegsausbruch im August
1939 nach Israel.
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B: Herr Baruch, darf ich vorher nochmal der Chronologie
halber nochmal zurückgehen. Sie haben noch zwei Schwestern?
HB: Ich habe noch zwei Schwestern. Die eine ist zwei Jahr jünger,
die andere ist sechs Jahr jünger.
[...]
B: Wann sind Sie eingeschult worden?
HB: April 1926 bin ich eingeschult worden. In der Talmud-Tora-Schule.
Hab die vier Grundschuljahre gemacht, und bin dann in die Realschule
gekommen, Sexta, bis Untersekunda. Die Hochschuljahre zum Abitur
habe ich nicht gemacht, weil ich eben auswandern wollte. Wie gesagt,
stand mir die ganze Welt offen, wo ich hätte hinfahren können.
Ich hab mich drauf versteift, wenn ich schon auswandern muß,
dann will ich nach Israel. Das hab ich damals schon, als Kind, empfunden.
Das ist der einzige Platz, wo es anzunehmen ist, daß die Juden
friedlich leben können.
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B: Wann haben Sie in Ihren Erinnerungen zum ersten
Mal antisemitische Angriffe erlebt oder gespürt? War
das schon in den zwanziger Jahren?
HB: Nein. Wir haben gespürt an und für sich... Das
erste, was wir richtig gespürt haben, das war im Jahre
'33, im April, glaube ich '33, der Boykottsonnabend, wo alle
jüdischen Geschäfte boykottiert wurden. Und dann
sind bei uns im Jahre '35 die Fensterscheiben eingeschlagen
worden, im Haus, im ersten Stock, darauf haben wir dann bei
uns Holzjalousien machen müssen, Holzläden. Das
waren Rowdys.
Man hat meinem Vater auch später gemeldet, wer das war.
Das waren halbwegs Jungens, noch halbe Kinder. Und bei uns
im Parterre hat gewohnt ein Oberregierungsrat, der bei der
Polizei gearbeitet hat, und der ist dann raufgekommen, nachdem
die Fensterscheiben eingeschlagen worden sind, hat sich so
quasi als Nachbar entschuldigen wollen für das, was passiert
ist.
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Mein Vater hat ihn dreikantig rausgeschmissen. Zum Entsetzen der
ganzen Familie. Die haben gesagt, er wird dich gleich anzeigen, dann
bist Du nicht mehr da in 'ner Stunde. Und mein Vater hat ihm gesagt:
Jeder von Euch ist schuld, daß Hitler hochgekommen ist. Keiner
hat den Mut gehabt, gegen ihn aufzutreten. Obwohl, zuerst war die
Sache noch nicht so schlimm. Man hat noch gemeint, das sind Exzesse,
wenn Hitler sich stabilisiert, dann wird das aufhören. Es gab
auch Juden, die für die Nationalsozialisten gestimmt haben.
Das Wirtschaftsprogramm, sozusagen, hat ihnen zugesagt. Mein Vater
war politisch gar nicht eingestellt, und ab 1934 war er im Vorstand
der Jüdischen Gemeinde. Der Vorsitzende war damals Bernhard David,
wenn Sie davon mal was gehört haben. Herr Offenburg ist der Sohn,
war mit im Vorstand, der Vater von Doktor Offenburg. Mein Vater hat
das Wohlfahrtsgremium zu leiten gehabt, ehrenamtlich. War Vorsitzender
des Wohlfahrtsausschusses.
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B: Aber nach diesem Rauswurf ist nichts passierts? Der Meyer
hat den Vater nicht denunziert?
HB: Nein, nicht denunziert. Dazu sagen möchte ich noch,
im Jahre 1938 wurden auf Stunden, Tage oder Wochen alle Juden
arrestiert und sind zum Teil auch in Lagern gewesen. Zu meinem
Vater, das habe ich von meinen Geschwistern und später
von meinem Vater gehört... Mein Vater war krank im Bett
gelegen, zufällig, und da kamen zwei Polizisten, denen
es sehr unangenehm war, meinen Vater so zu sehen.
Mein Vater hat gesagt, ich bin krank. Wenn sie mich abholen
wollen, holen Sie mich ab. Ja, wer kann denn das bestätigen?
Es gab damals Polizeiärzte. Rufen Sie an den Polizeiarzt
- den Namen hab ich vergessen. Und der wird Ihnen bestätigen
können, daß ich mit einer Krankheit im Bett lieg.
Und daraufhin ist mein Vater nicht eingesperrt worden. Einer
der ganz wenigen Juden.
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B: Um die Pogromnacht herum?
HB: Ja, das war nach der Pogromnacht wahrscheinlich, ja.
HB: Nach dem Mord in Frankreich, wie hieß der?
B: Grünspan.
HB: Da ist ja die Kristallnacht auch gewesen dann. Komischerweise,
ein Lehrer, ein guter Freund auch meiner Eltern, Lehrer von mir, der
hat gewohnt Hoheluftchaussee 167.
B: Wer war das?
HB: Ein Doktor Leo Rothschildt. Leo Rothschildt. Es gab zwei Rothschildts.
Und der hat gewohnt Hoheluftchaussee 167. Das war das letzte Haus
von Preußen, der Grenzverlauf nach Lokstedt hat direkt vor seiner
Tür gestanden. Er hat im dritten Stock gewohnt. Und den haben
die Nazis vergessen abzuholen. Er und mein Vater haben jeden Tag telefoniert:
Baruch, sind Sie noch zu Hause. Rothschildt, bist Du noch zu Hause?
So sind die beiden der Einsperrung entgangen.
Ich glaube nicht, daß mein Vater das überlebt hätte.
Mein Vater ist sehr jung gestorben, mit 52 Jahren, im Jahre 1942 in
Israel gestorben an einem akuten Herzschlag, Herzembolie, mitten im
Schlaf, mitten in der Nacht. Meine Mutter starb drei Jahre später
im Jahre 1945. Im Trauerjahr nach meinem Vater, 1943, hab ich geheiratet.
Das sind an und für sich die Eindrücke, die ich gehabt hab
von der Nazizeit.
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Ich gab das Glück gehabt, mein Vater hatte wohlweislich
vorausgesehen, daß es überhaupt keine Zukunft gibt,
und hat gesagt, wenn Du die Schule fertig hast, April '36, dann
wander aus wohin Du willst. Es gab ein Gesetz, bis 18 mußten
alle Jugendlichen eine Fortbildungsschule benutzen, mindestens
zweimal die Woche. Und ich bin davon befreit worden, weil ich
eben nachweisen konnte, daß ich innerhalb ganz kurzer
Wochen Deutschland verlasse.
... Da haben sie mich befreit. Das war nicht sehr angenehm,
als Jude in der Fortbildungsschule. Das sind christliche Unternehmen,
staatliche Unternehmen gewesen. Wo ich auch keinen Beruf erlernen
wollte in Deutschland. Meine Auswanderung verzögerte sich
ungefähr zwei Monate, weil das Zertifikat nicht kam, sodaß
ich am 18. Mai in Israel eintraf. Am 10. Mai bin ich weggefahren.
B: 1936?
HB: '36. |
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B: Ihre Familie war Mitglied der Jüdischen Gemeinde und
des...
HB: Ich sagte Ihnen doch, mein Vater war im Gemeindevorstand bis '38
ungefähr.
B: War das eine Reaktion auf die Nazizeit, zu sagen, ich setze
mich jetzt für speziell jüdische Belange ein?
HB: Mein Vater war sehr beliebt in der Gemeinde auch. Wir sind zur
Synagoge gegangen in der Hoheluftchaussee. Da war eine kleine Synagoge
im Hinterhaus. Das war vor dem Ersten Weltkrieg ein Pferdestall,
Hoheluftchaussee nicht weit von der Bismarckstraße. Wenn man
von Hoheluft kam, auf der rechten Seite. Etwas früher war Epa,
glaube ich, oder irgendein Kaufhaus. Und dann ging es rein in ein
Haus, und im Hinterhof war die Synagoge gewesen. Der Rabbiner, bis
er starb, war ein Rabbiner Jakobson. Hat viele Zweige gegeben von
Jakobson. Mein Vater war, nachdem der Rabbiner Carlebach als Rabbiner
gewählt wurde im Jahre '36, war ich schon nicht mehr dabei.
Waren sehr eng befreundet. Ich habe heute noch einige Briefe, die
der Rabbiner Carlebach an meinen Vater geschrieben hat. Einen Teil
der Briefe habe ich der Tochter, der Mirjam Giles übergeben.
Für die hat das mehr Interesse als für mich heute. Das
ist es so ungefähr.
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B: Ihr Vater hat wahrscheinlich auch nie erwogen, in
ein anderes Land außer Israel zu emigrieren?
HB: Nein, mein Vater hat folgendes... Der hat einen Vetter gehabt
in London. Und dann das Zertifikat hat sich... 1939. Ich war
(?) Es hat relativ lange gedauert, es war ein Kapitalistenzertifikat.
Und als April '39 er gesehen hat, die Sache geht nicht mehr,
da hat er ein Affidavit für England in der Tasche.
... und das war praktisch so, daß die Koffer schon gepackt
waren, um nach England zu fahren. Und im letzten Moment ich
hab ein Telegramm geschickt, das Zertifikat ist da, Ihr könnt
morgen oder übermorgen beim englischen Konsulat melden
und rausfahren. So daß es...
Um ein Haar wären sie nach England gekommen. Mein Vater,
meine Mutter und meine kleinere Schwester. Was gewesen wäre,
weiß ich nicht. Auf jeden Fall wäre es sehr viel
unangenehmer gewesen. |
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Und die Lifte mit sämtlichen Möbeln und Haushaltsgegenständen
- drei große Lifte - haben meine Eltern mitgebracht, die waren
vor ihnen in Israel. Die konnten sie wegschicken, und haben in (?)
gestanden, bis meine Eltern ankamen. Paar Monate in (?) gestanden.
B: Haben Ihre Eltern Ihnen noch etwas berichtet über
die Probleme, die Emigration vorzubereiten.
HB: Das Silber ist ihnen beschlagnahmt worden. Mußten sie
abgeben. Und ein guter Freund meiner Eltern, mit dem Namen Stritzky,
hat das... Der war schon im Ausland, der war damals ich (?). Hat
das ausgelöst. Man konnte mit Devisen das jüdische Silber
auslöse, um es ins Ausland zu schaffen. Und der hat zu 90 Prozent
das Silber ausgelöst.
Mein Vater hat kein gutes Haar an Deutschland gelassen. Das miterlebt
hat, was er erlebt hat. Ich weiß nicht, ob er heute Deutschland
jemals besucht hätte. Ich möchte beinahe annehmen, daß
nicht. Ohne Haß, aber ich weiß es nicht. Vielleicht
wär er auch zu Besuch gekommen.
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